Ein Kamingespräch auf Sicherheitsabstand: Arbeitsumgebungen nach Corona
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Ein Kamingespräch auf Sicherheitsabstand: Arbeitsumgebungen nach Corona

Die Covid-19-Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt: Ob Büro oder produzierendes Gewerbe – die räumlichen Konzepte stehen nun stärker auf dem Prüfstand denn je. Und eine Ahnung scheint sich schon jetzt zu bestätigen: Das Thema wird uns nicht nur kurzfristig begleiten.

In unserem heutigen Kamingespräch haben wir Pascal Gemmer zu Gast. Als CoFounder und Partner der Agentur Dark Horse Berlin berät er Unternehmen bei Innovationen und rundum das Thema produktive Arbeitsplätze.

Im Gedankenaustausch mit Wolf Deiß, Geschäftsführer von Artis Space Systems, erörtern wir, wo die Reise hingeht. Wofür brauchen wir in Zukunft noch ein Büro? Worin liegen die Chancen und Potenziale, die wir aus der Pandemie-Krise ziehen können?

Moderiert von Katharina Wolter, Leitung Kommunikation bei Artis Space Systems.

 

Wolf Deiß / Pascal Gemmer

Katharina: Hallo ihr beiden! Die erste Frage könnt ihr euch denken. Die ersten Monate Pandemie haben wir hinter uns, jetzt kommen wir alle aus dem generellen Lockdown heraus. Wie ist die Lage? Wie geht es Dark Horse? Wie geht es Artis?

Pascal: Erstaunlich gut! Ich glaube, die meisten bei Dark Horse mögen grundsätzlich erstmal Veränderung. Der Wille war direkt groß, Dinge anzupassen, zum Beispiel unsere vielen Workshopformate „remote-fähig“ zu machen, oder uns in Digitalisierungsinitiativen für Berliner Schulen zu engagieren. Natürlich sind im März/April/Mai auch bei uns quasi keine neuen Projekte gestartet worden. Jetzt geht es wieder los. Die Unternehmen, mit denen wir arbeiten, haben sich berappelt, das Homeoffice ist organisiert, das Geschäft wurde an die Situation angepasst. Wir fühlen aber mit allen Menschen und Unternehmen, die nach wie vor an Covid-19 zu knabbern haben und noch nach Wegen suchen.

Wolf: Na ja, wir hatten keinen Lockdown. Unser Vorteil ist, dass die Projektlaufzeiten relativ lang sind. Das half und hilft, die Produktion aufrecht zu halten. Auch wir sind zuversichtlich. Und wir mögen zwar auch Veränderung, schöpfen unseren Mut aber auch aus der Erfahrung, andere Krisen schon gemeistert zu haben. Wir sind ja schon etwas länger dabei…

 

Katharina: Wenn Ihr auf die letzten Monate zurückblickt, was waren für Euch die stärksten Veränderungen im Arbeitsalltag?  

Pascal: Wir hatten das Glück, dass wir schon immer alle phasenweise viel im Homeoffice gearbeitet haben. Jeder kannte das, wusste das zu schätzen, und die Infrastruktur war vorhanden. Auch an das Abstimmen und Diskutieren in Video-Calls haben wir uns schnell gewöhnt. Was sehr fehlt, ist das Gespräch zwischen Tür und Angel, das Plaudern und das gemeinsame Essen, da suchen wir gerade nach Lösungen.

Wolf: Für uns war das tatsächlich alles eine riesige Umstellung. Wir können ja nicht im Homeoffice produzieren. Wir können den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ja schlecht eine Säge mit nach Hause geben. Einige Kollegen und Kolleginnen aus dem Büro sind auch zu Hause geblieben. Allerdings vor allem diejenigen, die Ihre Kinder versorgen mussten oder aber zu Risikogruppen gehören. Dadurch wurden aber Ad-Hoc-Abstimmungen „…hast du mal kurz ‘ne Minute“ zwischen Büro und Produktion sehr mühsam. Das gemeinsame „an einem Plan stehen“ oder „an der Maschine stehen“ fehlt ungemein. Normalerweise hören wir oben im Büro schon, wenn sich in der Produktion etwas anbahnt, und eine Maschine zu klappern anfängt. Dann können wir schnell reagieren. Das geht von Zuhause aus nicht. Ich finde es ohnehin ein falsches Bild, dass Homeoffice die Lösung für alles ist! Es gibt unzählige Unternehmen, für die das nicht, oder nur eingeschränkt funktioniert. Wir sind eines davon.
Im Übrigen war die letzten Wochen und Monate sehr viel von den Schwierigkeiten der Homeoffice Nutzung die Rede und nur sehr wenig über die Sorgen derer, die diese Wahl gar nicht hatten.

Archivbild – Büroräume von Artis mit Werkstatt

Katharina: In den letzten Monaten dürften digitale Tools wie Zoom, Google Teams und Co.  Hochkonjunktur gehabt haben. Wird durch die Remote-Kommunikation nicht auch einiges schneller und einfacher?

 Wolf: Ich denke, dass die zunehmende Digitalisierung per se schnelles Reagieren und das ad hoc Lösen von Problemen schwieriger macht. Denn Digitalisierung erfordert immer Standardisierung. Dinge müssen vorab entschieden und Programme aufgesetzt werden. Aber wenn dann irgendetwas nicht nach Plan läuft, steht erstmal alles still. Der Raum zum Improvisieren und eigenständigen Entscheiden schwindet, da wir uns innerhalb des gesetzten Standards bewegen müssen. Und dadurch verlernen wir das Improvisieren und auch ein wenig das Mitdenken. In der Produktion wurden durch die digitalen Vorgaben die Handlungsspielräume viel enger. Ich will das Thema Digitalisierung aber gar nicht schlecht reden, angesichts des Fachkräftemangels und des hohen Qualitätsanspruchs, den wir bringen müssen, spielen wir hier seit vielen Jahren mit.

Pascal: Interessant, dass du das sagst. Wir kämpfen aktuell mit der notwendigen Standardisierung von Remote-Workshops. Denn hier ist gerade Folgendes zu beobachten:
Da in Online Workshops die ganze Nicht-Verbale Kommunikation (wie zum Beispiel Körpersprache) wegfällt, funktionieren selbst einfache Dinge wie eine spontane Gesprächsreihenfolge im Brainstorming nicht: Entweder fällt man sich ständig ins Wort oder niemand sagt etwas. Um das zu vermeiden, arbeiten wir mit einer vorgegebenen Reihenfolge und einer festen Agenda, also auch einer Standardisierung. Auf unvorhergesehene Wendungen lässt sich so aber gar nicht mehr reagieren. Das Beste was passieren kann, ist, dass alles nach Plan läuft. Gerade im Kontext von Innovation, neuen Ideen etc. ist das dem Ergebnis aber nicht immer zuträglich. Kreatives Arbeiten funktioniert gemeinsam in einem physischen Raum mit Mimik, Gestik, Schnaufern und Augenrollen viel besser.

 

Katharina: Was denkt ihr, wie sich die Rolle des Büros in der aktuellen Situation und darüber hinaus verändern wird?

 Wolf: Na, wir werden definitiv einen neuen Umgang mit Distanz haben. Die Zeit, in der wir alle an aneinander gereihten 6er-Schreibtischblocks sitzen, wird vorbei sein. Große „Schreibtisch-Wüsten“ werden wir weniger sehen. Und jetzt, wo sich die Virenübertragung durch Aerosole als so problematisch erweist, werden wir aber auch weniger kleine Räume sehen. Meetings werden sicher eher auf der Fläche abgehalten. Telefonkabinen werden sich unsicher anfühlen. Sicher wird es auch schnell interessante Desinfektions-Methoden geben, z.B. mittels UV-Licht.

Pascal: Ich würde auch wetten, dass wir eher weniger als mehr Räume sehen werden. Bei uns entwickelt sich das Büro gerade zu einem reinen Ort des Treffens und Sehens, eher vergleichbar mit einem Vereinsheim. Am Schreibtisch sitzen geht jetzt auch zuhause gut, viele geplante Meetings, zum Beispiel Jour Fixes funktionieren super remote. Was aber eben gar nicht funktioniert, ist das zufällige „sich über den Weg Laufen“, das an der Kaffeemaschine Plaudern und zufällig Dinge zu erfahren, die man geplant nicht erfahren hätte. Das Schaffen einer Begegnungs-, Austausch- und gemeinsame Identifikationsplattform, das wird der Job des Büros in den nächsten Jahren sein. Und da stehen Wände nur im Weg.

Wolf: Ja, das muss ich nochmal unterstreichen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und beim Arbeiten geht es ja nicht nur um Arbeit. Aber mit den Kollegen und Kolleginnen über die Kinder oder den nächsten Urlaub quatschen funktioniert am Kaffeetisch auch besser, als im Video-Call. Und wie wichtig so ein nicht-arbeitsbezogener Austausch ist, lernt man ja jetzt auch erst so richtig zu schätzen! Hätten wir bei uns keine „Begegnungsstätte“, würden sich die Kollegen aus der Produktion mit den Kollegen aus dem Büro überhaupt nicht treffen können. Das Büro wird zur Begegnungsstätte? Bin ich dabei!

Archivbild – Büroräume bei Dark Horse
auch Titelbild

Katharina: Was heißt das konkret? Wie genau könnte ein in dieser neuen Situation funktionierendes Büro aussehen?

Pascal: Zunächst könnte ich mir vorstellen, dass Büros kleiner werden. Homeoffice wird definitiv wichtiger. Große Konzerne beschließen gerade Richtlinien, die zwei bis drei Tage pro Woche Homeoffice empfehlen, auch nach Corona. Das heißt: Wir brauchen weniger Platz, sparen Geld, und können dafür Büros wieder in zentralere Lagen bringen. Dann denke ich, wir werden weniger Schreibtische sehen, diese eher einzeln und vereinzelt gestellt und durch eine entsprechend flexible Möblierung separiert. Und in allen Ecken wird es Möglichkeiten geben, Video-Calls auch in kleineren Gruppen zu führen. Denn Meetings, an denen alle Teilnehmer physisch anwesend sind, werden seltener werden. Und ich bleibe dabei: Noch wichtiger als schon heute wird die große, zentrale, freie Fläche für den zufälligen und spontanen Austausch sein. Mit Couch-Ecken, Separees, Besprechungsecken und natürlich der Kaffeemaschine. Solch ein „Marktplatz“, kombiniert mit einigen Stillarbeitsplätzen, könnte für viele Unternehmen in Zukunft schon ausreichen.

Wolf: Ich denke, die Zeit der 2er-Büro-Schubkästen ist endgültig vorbei – allein schon aus infektionsschutztechnischen Gründen. Ich stelle mir auch eher kleine Schreibtischgruppen, eventuell übergangsweise mit „Tröpfchenschutz“ aus Plexiglas vor, die jeweils durch Raumteiler wie zum Beispiel unserem Supergrid™ voneinander getrennt sind. Dazu viele offene Besprechungsmöglichkeiten. Durch die nun angesagte „Offenheit“ wird aber gleichzeitig das Thema Akustik noch mehr in den Vordergrund rücken.

Pascal: Ja, das Thema Akustik wird wichtiger, aber vielleicht bald anders gelöst werden als wir aktuell denken. Ich beobachte, wie omnipräsent gerade kabellose Kopfhörer mit Noise-Cancelling in allen Video-Calls werden. Die Leute gewöhnen sich an Kopfhörer, und die Technik ist inzwischen wahnsinnig gut und erschwinglich. Umschalten zwischen Hören, Stille und Telefonieren auf Knopfdruck! Gib uns ein, zwei Jahre, und die meisten werden auch im Büro ihre akustische Umgebung selbst kontrollieren. Die gefühlte Separierung durch Nischen und Abtrennungen zum Beispiel für die Privatsphäre wird wichtig bleiben, aber akustische Trennung wird eher unwichtiger. Es wird lauter werden in Büros, und diejenigen die Ruhe wollen, drücken den entsprechenden Knopf.

Wolf:  Obwohl ich fest davon ausgehe, dass wir mittelfristig Covid-19 in den Griff bekommen, werden uns ganz bestimmt die Diskussionen um den Arbeitsplatz der Zukunft weiter begleiten. Es bleibt spannend, und das ist ja auch gut so!

 

Katharina: Vielen Dank Euch und bis bald!

Pascal Gemmer: CoFounder & Partner Dark Horse GmbH / Dark Horse Workspaces GmbH

Die Berliner Innovationsberatung Dark Horse unterstützt seit 2010 Menschen und Organisationen, ihre Zukunft richtig zu gestalten. Dark Horse entwickelt Menschen und Kulturen, Strategien und Strukturen, Produkte und Services und Arbeitsumgebungen.